Interview mit Michael Lehmann von MITNETZ Strom

In der dritten Ausgabe unseres Magazins Reimagine Energy geht es um eine der wichtigsten Säulen einer klimaneutralen Wirtschaft: die Elektromobilität. Wir sprachen mit Michael Lehmann von MITNETZ Strom über die Chancen und Herausforderungen der Elektromobilität für die regionale Netzführung und Kunden.

MITNETZ Strom ist der größte regionale Verteilnetzbetreiber in Ostdeutschland und für Planung, Betrieb und Vermarktung des Stromnetzes verantwortlich. In seinem unmittelbaren Netzgebiet übersteigt die Stromerzeugung aus Erneuerbaren den Energiebedarf. Entsprechend anspruchsvoll ist die Netzführung.

 

„Wir begreifen die aufkommende Elektromobilität sowie die stationären Energiespeicher als Chance, denn mit flexiblen Batteriespeichern lässt sich Wind- und Sonnenstrom lokal in unserem Netz nutzen.“

Michael Lehmann, Leiter Prozess- und Systemmanagement Meter2Cash bei MITNETZ Strom


Über Michael Lehmann

  • 1999: Promotion im Bereich der Brennstoffzellenforschung im Jülich Research Centre
  • Seit 1997 in der enviaM-Gruppe, aktuell:
    MITNETZ Strom IT-Manager für Marktprozesse
    Mitgestaltung der Marktprozesse für den deutschen Strom- und Gasmarkt
    Leitung des Projektes NetzFlex, zusammen mit Kiwigrid


Was ist das neue NetzFlex-Projekt?

„Wir haben durch unseren großen Anteil an erneuerbaren Energien im Netz regelmäßig sehr große Überschüsse an Strom, die wir in das Übertragungsnetz liefern müssen, statt sie lokal zu verbrauchen. Wir reden von jährlich 5 Milliarden Kilowattstunden. Das ist eine Strommenge, mit der man etwa 1,7 Millionen Elektrofahrzeuge ganzjährig mit lokal erzeugtem, grünem Strom versorgen könnte.“

Wir begreifen die aufkommende Elektromobilität sowie die stationären Energiespeicher deshalb als Chance, denn mit flexiblen Batteriespeichern lassen sich Wind- und Sonnenstrom lokal in unserem Netz nutzen. Die Wirkung ist doppelt: es wird mehr sauberer Strom sinnvoll eingesetzt und gleichzeitig werden unsere Netze und die Übertragungsnetze entlastet. Mit NetzFlex wollen wir dieses Potenzial verwirklichen.

Wie funktioniert der neue NetzFlex Tarif?

„Wir haben einen Tarif geschaffen, der für Kunden mit flexiblen Verbrauchern, wie z.B. Elektroautos, einen Anreiz schafft, lokalen und grünen Strom zu nutzen. So gibt es in Zeiten mit hoher Wind- oder Sonnenenergieerzeugung einen preiswerten Netztarif, und wenn das Netz stark vom Verbrauch belastet ist und keine erneuerbaren Energien zur Verfügung stehen einen entsprechend hohen Tarif. Die Tarifzeiten werden am Vortag veröffentlicht, so dass die smarten Verbraucher der Kunden ihren Bedarf optimieren können. Mit Kiwigrid haben wir dazu die NetzFlex-API entwickelt. Sie stellt den Kunden wichtige Netzinformationen wie den CO2-Fußabdruck des Stroms und die Netztarife für den Folgetag zur Verfügung. Gleichzeitig bietet die Schnittstelle ein intelligentes Reservierungssystem für flexible Leistungen, um die lokalen Netze optimal auszulasten. Damit wird das Netz stabilisiert und Kunden nutzen insgesamt die erneuerbaren Energien besser aus.“

Weshalb haben Sie sich entschieden, NetzFlex einzuführen?

„In der Vergangenheit haben viele Netzbetreiber mit direkten Steuerungseingriffen beispielsweise auf Wärmepumpen beim Kunden zugegriffen. Damit wurden die lokalen Netze geschützt und ein Anreiz zur Nutzung des unflexiblen Grundlaststroms aus Braunkohle und Kernenergie geschaffen. Wir haben jetzt eine Situation, in der wir Erzeugung und Verbrauch neu in Einklang bringen müssen. Der große Unterschied liegt jedoch darin, dass wir als Netzbetreiber nicht mehr steuern wollen. Es ist sinnlos, auf eine Wallbox für ein Elektroauto zuzugreifen, wenn der Kunde beispielsweise gerade aus seiner Solarbatterie lädt. Wir wollen die Entscheidungen den Kunden überlassen. Und das bedeutet, dass wir es ihren zunehmend intelligenten Verbrauchern überlassen, die richtigen Entscheidungen zu treffen.“

Weshalb jetzt?

„Zum einen stehen jetzt die Technologien zur Verfügung. Wir können Messungen in der Niederspannung durchführen und Schnittstellen zu smarten Verbrauchern nutzen. 

Zum anderen will der Gesetzgeber in 2020 die gesetzlichen Rahmenbedingungen für die flexiblen Verbraucher in der Niederspannung, also Elektromobile und Wärmepumpen, schaffen. Wir wollen mit unserem Projekt zeigen, wo die Reise hingeht und darauf achten, dass der rechtliche Rahmen für solche Innovationen offen gestaltet wird.“

Ist der regulatorische Rahmen optimal gestaltet? Welche Anreize sollten geschaffen werden?

„Aktuell ist vieles möglich und einige Netzbetreiber sind sehr kreativ bei der Gestaltung der Netze der Zukunft. Wir müssen aber, nicht zuletzt im Interesse unserer Kunden, dafür sorgen, dass sich die technologischen Möglichkeiten kundenorientiert und pragmatisch nutzen lassen. Das Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende ist diesbezüglich keine Meisterleistung. Da werden noch Nachbesserungen notwendig sein.

Die größte Herausforderung für den regulatorischen Rahmen kommt allerdings noch. Wenn zukünftig Elektromobile in hohen Größenordnungen Strom transportieren und lokal wieder ins Netz abgeben können – Stichwort Vehicle2Grid – dann wird vieles nicht mehr so wie heute funktionieren. Wir freuen uns auf diese spannenden Zeiten!“

Welche Vorteile erhoffen Sie sich durch das Angebot des NetzFlex Tarifs?

„Die Elektrifizierung von Transport und Wärme ist für uns als Netzbetreiber eine großartige Chance. Wir transportieren die dafür notwendige Energie gerne über unsere Netze. Die Kunst wird allerdings darin liegen, möglichst die bestehenden Netze zu nutzen und nur im Ausnahmefall Netze auszubauen. NetzFlex ist hier einer unserer wichtigsten Ansätze und wir sind davon überzeugt, dass wir damit einen sehr effizienten Netzbetrieb sicherstellen.“